Ein ganz privater Frieden ...

 

Wieder einmal hat uns Albert Trostorf eine ganz besondere Informationen zur Verfügung gestellt. Eine wahre Geschichte der Kämpfe im Großraum Hürtgenwald. Eine wahre Geschichte in der Anonymität großer Schlachten.

 

 

"Drei Nächte und zwei Tage"

 

Am 28. November 1944 hatte das II. Bataillon des 26. US Infanterieregiments den Waldrand westlich der Ortschaft Merode erreicht. Im Forsthaus an der Waldgrenze, oberhalb von Merode wurde ein vorgeschobener Beobachtungsposten eingerichtet. Von hier aus konnte der Beobachter weit hinein in die Düren – Jülicher Gegend und bei klarem Wetter bis zum Siebengebirge blicken.

 

Nach zwölf harten und entbehrungsreichen Kampftagen im Waldgebiet zwischen Schevenhütte, Jüngersdorf und Merode war das 26. Infanterieregiment bereits reichlich dezimiert worden. Viele Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere waren gefallen, verwundet oder wegen physischer Erschöpfung evakuiert worden. Der Ersatz welcher dem Regiment zugeführt wurde bestand größtenteils aus frisch ausgebildeten und kampfunerfahrenen oder aus genesenden Soldaten, welche aus den Lazaretten zurück an die Front geschickt worden.

Die Eroberung der Ortschaften Merode und Schlich sollte der letzte Kampfauftrag des 26. Infanterie-Regiments im Hürtgenwald sein. Das Regiment, welches seit mehr als 100 Tagen in ununterbrochenen Kampfeinsatz stand, benötigte eine dringende Ruhe- und Erholungspause. Mit der Einnahme von Merode und Schlich hatte man gleichzeitig auch den Hürtgenwald überwunden und die offene Ebene, die sogenannte „Cologne Plain“ erreicht. Der Angriff auf die beiden Ortschaften wurde für Mittwoch den 29. November 1944 befohlen. Der Plan sah vor, dass die F-Company den Ort Merode und die E-Company den Ort Schlich angreifen und einnehmen sollten. Beide Kompanien erhielten zur Unterstützung je einen schweren Zug von der H-Company, sowie einen Zug von je 5 Sherman Panzer M4A3 und einen Zug Jagdpanzer vom Typ M 10. Die Kompanien sollten bis an den Waldrand vorrücken und nach einer Artillerievorbereitung zum Sturmangriff auf die beiden Ortschaften antreten. Die Panzer und Jagdpanzer sollten folgen, sobald die ersten Häuser in Merode erreicht waren.

 

Nachdem die beiden Kompanien aus dem Wald zum Sturmangriff auf die beiden Ortschaften antraten, begann die deutsche Artillerie mit einem Abwehrfeuer von bis dahin nicht gekannter Härte. Die amerikanischen Soldaten hatten auf der offenen Fläche keine Deckungsmöglichkeiten und erlitten hohe Verluste and Toten und Verwundeten. Erst am Nachmittag konnten die ersten Amerikaner in Merode eindringen und die Häuser am westlichen Ortsrand besetzen. Die E-Company unter Führung von 1st Lieutenant Gerry Eckenrod schaffte es nicht bis nach Schlich vorzudringen, da die Entfernung zwischen dem Ort und dem Waldrand fast doppelt soweit wie die bei Merode ist. Letztendlich befahl 1st Lt. Eckenrod den Angriff auf Schlich abzubrechen und nach links auszuweichen, um sich in Merode mit der F-Company zu vereinigen. So kam es, dass die F-Company sich überwiegend am westlichen Ortsrand von Merode festgesetzt hatte und die E-Company die Häuser am östlichen und südöstlichen Ortsrand besetzt hatten. Die Panzer und Panzerjäger konnten erst gar nicht bis Merode vorstoßen, weil der Führungspanzer in einem Hohlweg umgekippt war und den anderen die Weiteerfahrt versperrte. Versuche, eine Umgehung zu schaffen schlugen wegen des schweren Artilleriebeschusses und des aufgeweichten Geländes fehl.

 

1st Lieutenant Eckenrod, Sergeant Oster und drei weitere US Soldaten besetzten den Keller der Gaststätte „Schloßstube“ und brachten am Kellerschacht ein MG in Stellung, mit welchem die Dorfstraße in beide Richtungen beschossen werden konnte. Die Hoffnung, dass die Panzerkräfte doch noch nach Merode durchbrechen und die beiden von den eigenen Linien bereits abgeschnittenen Kompanien entsetzen würden, erfüllten sich nicht. So richteten sich beide Kompanien zur Rundumverteidigung ein.

 

Am gleichen Abend wurde auf Befehl des Regimentskommandeurs Karl-Heinz Becker, dem Kommandeur des Fallschirmjäger Regiments 5 in Schlich eine Kampfgruppe gebildet, welche sich größtenteils aus Soldaten des zweiten Bataillon und Regimentseinheiten zusammensetzte. Des Weiteren wurde vom Armeekorps ein Tiger-Panzer angefordert. Diese Kampfgruppe griff dann wenig später die beiden in Merode eingeschlossenen US Kompanien an. Am nächsten Morgen wurden 165 US Gefangene, darunter 10 Offiziere, sowie 120 gefallene Amerikaner gezählt.

 

1st Lieutenant Eckenrod und seine vier Soldaten hatten Glück gehabt, denn sie waren nicht entdeckt worden, allerdings hatten sie auch keine Verbindung zur eigenen Truppe mehr, da die Batterien des Funkgerätes lange verbraucht waren.

 

Am Vormittag des 30. November 1944 begannen die deutschen Fallschirmjäger damit, alle Häuser und Keller in Merode systematisch zu durchsuchen und stöberten noch einige amerikanische Soldaten auf. Zwei Fallschirmjäger kamen so auch in den Keller der Schlossstube. Als die Soldaten den Kellerraum betraten, wo sich 1st Lieutenant Eckenrod und seine vier Soldaten versteckt hielten, erschossen sie einen der beiden Fallschirmjäger und überwältigen den anderen.

 

Am nächsten Tag war auch das erste Bataillon des Fallschirmjägerregiments 5 in Merode eingetroffen. Mit der 1. Kompanie kam Fallschirmjäger Manfred Trommler nach Merode. Gemeinsam mit seinem Gruppenführer, Oberjäger Heinz Höll erhielten sie den Befehl, ebenfalls nochmals die Häuser und Keller nach amerikanischen Soldaten zu durchsuchen. So kamen sie auch an die Schlossstube. Als Manfred Trommler und Heinz Höll in den Keller hinabstiegen erkannten sie am Kellerschacht ein verlassenes amerikanisches MG. Sonst schien nichts verdächtigt. Der Keller, es handelte sich um den Bierkeller der Gaststätte, war nach hinten hin mit einem Vorhang getrennt.

 

Manfred Trommler wollte diesen mit dem Lauf seines Karabiners etwas zur Seite schieben, als er von einem schweren Faustschlag getroffen, niedergeschlagen wurde. Heinz Höll, welcher sich noch am Fuße der Kellertreppe befand, sprang geistesgegenwärtig auf die Treppe zurück und im gleichen Moment als er „Hände hoch“ rief, kam von den Amerikanern das „Hands up“! Höll erkannte sofort, dass er gegen die fünf Waffen der Amerikaner keine Chance hatte und lies augenblicklich seine Waffe fallen. Manfred Trommler und Heinz Höll wurden von den Amerikanern gepackt und in die hintere Ecke des Kellers geführt. Im Halbdunkel des Raumes erkannte Manfred Trommler fünf amerikanische und neben Heinz Höll einen weiteren deutschen Soldaten.

 

Die Amerikaner gingen hart mit den Deutschen ins Gericht und verboten ihnen miteinander zu sprechen. Erst jetzt bemerkte Manfred Trommler, dass sich in diesem Raum ebenfalls ein gefallener Fallschirmjägerkamerad befand, jener Soldat, welcher von den Amerikanern beim Betreten des Kellers erschossen worden war. Der amerikanische Offizier, 1st Lieutenant Eckenrod, ging auch sehr streng mit seinen Leuten um. Einer der Soldaten war Staff-Sergeant Julius Oster und er trug eine besonders große Waffe, das Browning Automatic Rifle. Die anderen GI`s mit ihrer „Großen Roten Eins“ an der linken Schulter waren mit normalen Karabinern ausgestattet.

 

Nach einer Weile flackerte draußen der Kampflärm wieder auf. Einmal lagen die Einschläge ziemlich nah und die Amerikaner dachten, dass ihre Kameraden jetzt wohl einen Entlastungsangriff auf den Ort führten, um die beiden eingeschlossenen Kompanien zu entsetzen. Doch schon bald beruhigte sich die Lage wieder. Nach und nach entspannte sich auch die Situation im Kellerraum. Die Amerikaner waren nun schon mehr als 60 Stunden ohne Schlaf und sie mussten zudem die drei deutschen Kriegsgefangenen bewachen.

 

Schließlich war es Heinz Höll, der die Initiative ergriff und den amerikanischen Offizier die Ausweglosigkeit ihrer Lage klarzumachen. Heinz Höll meinte, dass sein Kamerad Trommler und er sicherlich schon von ihren Kameraden vermisst würden und dass man nun schon bald nach ihnen suchen werde und dann mit Sicherheit hier in den Keller kommen würde. 1st Lieutenant Eckenrod meinte daraufhin, dass man sich mit allen Mitteln verteidigen würde und dass die Leben von Heinz Höll, Manfred Trommler und den unbekannten Fallschirmjägerkamerad dann wohl ebenfalls sehr gefährdet wäre.

 

Nachdem man die erste Nacht mit quälender Ungewissheit überstanden hatte, schlug Lieutenant Eckenrod am Morgen des zweiten Tages einen überraschenden Kompromiss vor. Er bot den drei deutschen Fallschirmjägern an:

 

„Wenn Ihr uns zu unseren eigenen Linien zurückführt und Euch als unsere Kriegsgefangene erklärt, verbürge ich mich persönlich dafür, dass ihr bevorzugte Behandlung erhalten werdet und nach Beendigung des Krieges umgehend entlassen werdet!“

 

Heinz Höll mit seinem vorlauten Mundwerk reichten diese Versprechungen nicht. Vielmehr war er es nun, welcher mehr und mehr das Kommando an sich riss. Er machte Lieutenant Eckenrod unmissverständlich klar, dass er und seine vier Soldaten sich fernab der eigenen Linien befinden und ohne die Hilfe von Manfred Trommler, den unbekannten Fallschirmjäger und ihm nicht aus diesem Dilemma herausfinden würden. Nach einigen Verhandlungen und Diskussionen einigte man sich darauf, dass die Fallschirmjäger die Amerikaner zu ihren eigenen Linien zurückführen würden, dann die Fallschirmjäger aber umkehren dürften. Der Ausbruch, bzw. Aufbruch aus dem Keller sollte gegen Mitternacht in der kommenden Nacht stattfinden. Man einigte sich weiter darauf, dass alle Waffen entladen und die Handgranaten zurückgelassen würden. Draußen würden sich dann die drei deutschen Fallschirmjäger in einer Reihe abwechselnd zwischen die amerikanischen Soldaten einreihen.

 

Etwa eine Stunde vor Mitternacht verließen Heinz Höll und Sergeant Oster gemeinsam den Keller, um die Lage zu peilen. Alles war ruhig, die Front schien zu schlafen. Im Licht des Vollmondes erkannte man die Trümmer des Dorfes und die Kampfspuren der vergangenen Tage. In einigen hundert Meter Entfernung zeichnete sich das zerstörte Schloss Merode vom Nachhimmel ab. Nach einer weiteren Stunde des Wartens erfolgte der Ausbruch aus dem Keller. 1st Lieutenant Eckenrod, der sich hier nicht auskannte, übergab die Führung der Gruppe an Oberjäger Heinz Höll. Langsam und vorsichtig, so geräuschlos wie eben möglich ging es in die Nacht hinein. Der Weg führte weg vom Keller der Gastwirtschaft in den Ort hinein.

 

Trommler und Eckenrod hatten jegliche Orientierung verloren. An einer langen Hecke wurde kurze Rast gemacht und nochmals die Lage gepeilt. Als es weiter ruhig blieb, ging Oberjäger Heinz Höll langsam weiter. Nach einer Weile zeichneten sich in der Nähe die Konturen von Gebäuden ab. Plötzlich rief Heinz Höll: „Achtung! Eigene Leute! Nicht schießen! Amerikaner hinter dem Haus!“ Überall tauchten plötzlich deutsche Fallschirmjäger auf und umzingelten die acht Soldaten. Heinz Höll war mit den Amerikanern direkt in den Gefechtsstand des zweiten Bataillons marschiert.

 

Die fünf Amerikaner wurden sofort in das Haus geführt und in einem separaten Raum unter Bewachung gestellt. Heinz Höll, Manfred Trommler und der unbekannte Fallschirmjäger wurden von ihren Kameraden mit einem lauten „Hallo“ begrüßt. Man hatte sie bereits abgeschrieben und war nun froh, dass sie wieder dort waren. Wenig später traf Oberjäger Höll 1st Lieutenant Eckenrod im Haus wieder. Man sprach kein Wort miteinander. Im Schein einer Petroleumlampe schien das Gesicht von 1st Lieutenant Eckenrod auszudrücken: „Das war Wortbruch, mein Freund!“

 

Die Amerikaner kamen nach kurzem Verhör in ein deutsches Gefangenlager. 1st Lieutenant Eckenrod in das Offizierslager 79. Oberjäger Höll und Fallschirmjäger Trommler kamen zur Truppe zurück. Trommler wurde wenige Tage später in Merode durch Granatsplitter in verwundet und kam ins Lazarett. Anschließend, noch nicht ganz ausgeheilt, geriet er im Frühjahr 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Über den weiteren Verbleib von Höll ist nichts bekannt.

 

1st Lieutenant Eckenrod und Sergeant Oster kehrten nach dem Krieg in die USA zurück und haben an mehrere Veteranentreffen der 1st Infantry Division teilgenommen. 1st Lieutenant Eckenrod wurde zum Captain und später zum Major befördert und lebte zuletzt in Kalifornien. Außerdem wurde er mit dem Distinguished Service Cross, dem zweithöchsten Tapferkeitsorden der US Army ausgezeichnet.

 

Fallschirmjäger Trommler ( Quelle: Albert Trostorf) Fallschirmjäger Trommler ( Quelle: Albert Trostorf)
Lieutenant Eckenrod (Quelle: Albert Trostorf) Lieutenant Eckenrod (Quelle: Albert Trostorf)

 

Mehr als 50 Jahre nach diesen Ereignissen von 1944, im Jahre 1998 hat Manfred Trommler Albert Trostorf diese Geschichte erzählt. Zeitgleich kam Trostorf mit Gerry Eckenrod in Verbindung. Er erzählte ihm die gleiche Geschichte. Anschließend hat Trostorf dafür gesorgt, dass die Adressen ausgetauscht wurden, allerdings ist es niemals mehr zu einem Wiedersehen gekommen.

 

Gerry Eckenrod, ist in seinem Heimatkreis der Präsident und Vorsitzende der Legion of Valor der Träger des Distinguished Service Cross. In einer Ruhmeshalle in seinem Heimatort befindet sich eine Galerie mit den Fotos und Geschichten aller Soldaten welche mit diesen Orden ausgezeichnet wurden. Auf Wunsch von Gerry Eckenrod und mit Erlaubnis von Manfred Trommler hat Albert Trostorf ein Porträtfoto von Manfred Trommler an Gerry Eckenrod geschickt, welcher dieses Foto neben seinem Bild in der Hall of Honor (Ruhmeshalle) anbringen ließ.