Hein Severloh

WN 62 (english edition)

An dieser Stelle möchten wir über einen besonderen Menschen berichten, der am 6. Juni 1944 in der Normandie traurige Berühmtheit erlangte, durch seine persönliche Vergangenheitsbewältigung aber viel für die Aussöhnung der ehemaligen Kriegsparteien geleistet hat. Ende 2004 hatte ich das große Glück mit Hein Severloh über E-Mail in Kontakt zu kommen. Er lud mich ein zu einem persönlichen Gespräch, zu dem es aber leider nicht mehr gekommen ist. Das Buch "WN 62" und seine Lebensgeschichte haben uns sehr berührt und so waren es auch sehr emotionale Momente im Mai 2008 das WN 62 am Omaha Beach, sowie in Vertretung für ihn, dass Grab seines Freundes Bernhard Frerking, zu besuchen.

 

Heinrich Severloh, der Sohn eines Bauern aus der Lüneburger Heide, wurde am 23. Juli 1942 zur Wehrmacht eingezogen und der Leichten Artillerie-Ersatzabteilung 19 in Hannover-Bothfeld zugeteilt. Am 9. August 1942 wurde er nach Frankreich verlegt und kam zur 3.Batterie des Artillerie-Regiments 321 der 321. Infanterie-Division, wo er unter anderem als Meldereiter ausgebildet wurde. Im Dezember 1942 wurde er an die Ostfront verlegt, wo er beim rückwärtigen Teil seiner Division als Fahrer eines Pferdeschlittens eingesetzt wurde. Aufgrund kritischer Äußerungen wurde Severloh im März 1943 zum Strafexerzieren verurteilt, wodurch er dauerhafte gesundheitliche Schäden davontrug. Es folgte ein längerer Lazarettaufenthalt, der bis Juni 1943 andauerte. Im Oktober 1943 wurde Severloh zu einem Unteroffizierslehrgang nach Braunschweig abkommandiert. Da seine Stammeinheit, die 321. Infanteriedivision, zwecks Neuaufstellung nach Frankreich verlegt worden war, musste er seinen Unteroffizierslehrgang abbrechen und zu seiner Einheit zurückkehren. Im Dezember stieß Severloh wieder zu seiner Einheit, welche mittlerweile zur 352. Infanteriedivision umbenannt und in der Normandie stationiert worden war.

 

Am 6. Juni 1944  feuerte Severloh mit seinem Karabiner und einem Maschinengewehr des Typs MG 42 neun Stunden lang in die Massen der im US-Landeabschnitt "Omaha" (im Grenzbereich der Sektoren "Easy Red" und "Fox Green") aus ihren hölzernen Landungsbooten springenden Soldaten. Mit mehr als 12.500 Schuß, zum großen Teil Leuchtspur, belegte er den Strand vor dem Widerstandsnest 62. Der junge Soldat tötete, um nicht selbst getötet zu werden.

 

Als er sich auf Befehl seines Oberleutnants und Freundes Frerking endlich um 15.30 Uhr vom Stützpunkt WN 62 zurückziehen konnte, lagen auf rund 300 Metern Strandbreite mehr als 3.000 GIs in einem mehrere Meter breiten Saum aus knöcheltiefem schlammigen Blut,den die Flut ab 6.30 Uhr mit Massen von Leichen, die inzwischen einen regelrechten Wall bildeten, angeschwemmt hatte...

 

Heinrich Severloh kam noch in der Nacht vom 6. auf den 7. Juni verwundet in amerikanische Gefangenschaft.



Nach dem Krieg und zurück aus 3-jähriger Gefangenschaft in den USA, führte Heinrich Severloh ein eher unauffälliges Leben auf dem vom Vater ererbten landwirtschaftlichen Anwesen und schwieg beharrlich über die schrecklichen und traumatischen Geschehnisse jenes 6. Juni´44 - bis er 1960 in der Zeitschrift Kristall einen von Paul Carell verfaßten Artikel über den D-Day las. Carell suchte Zeitzeugen als Informanten für sein geplantes Buch "Sie kommen!" Severloh, der inzwischen dem Bund der Deutschen Kriegsdienstverweigerer beigetreten war, besuchte in der Folge Paul Carell und legte somit unbeabsichtigt den Grundstein zu einer fast weltweiten und außergewöhnlichen Publicity...

 

Auf der Suche nach der Vergangenheit und dem Grab seines damaligen Vorgesetzten in der Normandie, Oberleutnant Bernhard Frerking aus Hannover, dessen „Bursche“ Severloh einst war, fuhr er im Herbst 1961 erstmals wieder - und mit äußerst gemischten Gefühlen - in die Normandie zurück. Alle die Geschehnisse, die sich diesbezüglich bis zu seinem Tode im Leben des Heinrich Severloh zutrugen, hier zu beschreiben, ist unmöglich. Nur soviel: Severloh wurde zunehmend zu einem wichtigen Informanten betreffs der „Omaha-Beach“-Landung der Amerikaner aus deutscher Sicht. In Amerika, Frankreich, England, Belgien, Holland und Deutschland, sogar in Finnland, wurde über ihn berichtet - nur darüber, was er wirklich getan hatte, sprach er nie...

 

Erst 1999 und nach der Begegnung mit dem Schriftsteller Helmut Freiherr von Keusgen packte Heinrich Severloh endlich aus und erzählte die ganze brutale Wahrheit.

 

Doch seine ewige Sorge, vor der Welt als Unmensch dazustehen, erwies sich nun als völlig unbegründet. Mit seiner höchst erfolgreichen Autobiographie WN 62 - Erinnerungen an Omaha Beach - Normandie, 6. Juni 1944 (bereits die 3. erweiterte Auflage!) eroberte er die Herzen der Menschen - selbst die seiner ehemaligen Gegner... Außer dieser Autobiographie erschienen weltweit viele Buchpublikation, unzählige Presseberichte und Rundfunksendungen. SPIEGEL-TV drehte mit ihm eine eigene Dokumentation. Die Resonanz auf seine „Beichte“ war und ist überwältigend.

 

Einer der Überlebenden von Severlohs damaligen MG-Beschuss, war der damals 19-jährige amerikanische Soldat David Silva, der durch seine Geschossgarben schwer verwundet wurde. Jahre nach dem Krieg fand Severloh Silvas Namen in dem Buch „Der längste Tag“ von Cornelius Ryan über die Invasion. Nach vielen Monaten fand Severloh heraus, dass Silva wieder in der US Army tätig und in Karlsruhe als Militärgeistlicher stationiert war. Bei dem ersten Treffen zwischen Heinrich Severloh und David Silva fragte Severloh ihn, wie es dazu gekommen sei, dass er nun Pfarrer in der Armee sei. Daraufhin antwortete David: „In dem Moment, da ich damals aus dem Landungsboot und in Dein MG-Feuer hinaus musste, rief ich Gott an, mir zu helfen, lebendig aus dieser Hölle herauszukommen. Ich gelobte, dafür später Pfarrer zu werden und als solcher anderen Soldaten zu helfen…“ 


Aus den damaligen Feinden wurden sehr enge Freunde und beim Erinnerungstreffen 2005 der Alliierten Siegermächte in der Normandie trafen sich Severloh und Silva am Omaha-Beach wieder.
 

Ein emotionaler Moment für David Silva und Hein Severloh. Am Omaha Beach nehmen sich die "Feinde von Damals" und die "Freunde von Heute" in die Arme. 

Erstaunlich ist auch der enorm positive Zuspruch der Leser, die sich schriftlich oder telefonisch bei seinem Verleger, dem H.E.K.Creativ Verlag, melden. Nicht nur Menschen seiner Generation sondern auch jüngere Leute und (bemerkenswert!) Frauen reflektieren eine äußerst positive Haltung. Als Hein Severloh wurde er bereits zu Lebzeiten zu einem lebenden Mahnmal gegen die Unmenschlichkeit des Krieges und seiner traumatischen Schrecken.

 

Der Mann mit dem traurigen Ruhm, der auf sein Autorenhonorar verzichtet, (Zitat) "weil die Wahrheit und das Leid unbezahlbar sind", sagte 2001 in einem Radio-Interview abschließend:

 

"Bei jedem, den man tötet, tötet man ein Teil von sich selbst, und ich habe damals viel von mir getötet - viel zu viel..."

 

 

23. Juni 1923 bis 14. Januar 2006



Wohl dem Mensch, wenn er gelernt hat zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann.
(Friedrich Schiller)

Die Aufnahme zeigt Hein Severloh mit dem bekannten Buchautor Helmut K. von Keusgen

Ruhe in Frieden

 

 

 

WN 62 (english edition)