Die Batterie Merville
In einer Luftlandeoperation sollte die Artilleriebatterie bei Merville erobert und
zerstört werden. Das 9. Bataillon unter dem Befehl von Lieutenant-Colonel Terence Otway sollte diesen Befehl ausführen.
Die Batterie konnte den am Strand (Sword) landenden Truppen und den Landungsbooten mit ihren vier Kanonen erheblichen Schaden zufügen. Die effektivste Möglichkeit, diese Gefahr zu beseitigen, war
nach Meinung der Alliierten ein Luftlandeangriff. Die Briten nahmen an, in der Batterie befänden sich vier 150-mm-Haubitzen, wovon sich jede wiederum in einer ca. 1,80 m dicken Betonkasematte
befand, die vorn und hinten eine Stahltür aufwies.
Der Schutz der Merville-Batterie war beachtlich. Ein mehr als 360 Meter langer Panzergraben, der 4,5 Meter breit und drei Meter tief war, umgab die Batterie auf der West- und Nordwestseite.
Zusätzlich waren zwei Reihen Stacheldraht ausgelegt, von denen die erste noch relativ harmlos, die zweite aber fast zwei Meter hoch und drei Meter breit war. Zwischen ihnen befand sich ein
Minenfeld. Zudem waren weitere Minen auf möglichen Annäherungswegen zur Stellung ausgelegt. Die Batterie bzw. das Stellungssystem um selbige war von 160 deutschen Soldaten besetzt. Die
Nahsicherung der Batterie verteilte sich auf ca. 15 bis 20 Stellungen und Unterstände, welche jeweils mit ca. vier bis fünf Maschinengewehren ausgestattet waren.
Dazu kamen noch drei 20-mm-Flakgeschütze, welche sowohl gegen Luftziele wie auch im Erdkampf eingesetzt werden konnten. Allerdings verfügten die Deutschen über wenig Munition, da Nachschubstransporte von der Résistance und alliierten Bomberverbänden zerstört worden waren. Der Befehlsstand der Batterie befand sich etwa zwei Kilometer weiter nördlich, nahe dem Strandabschnitt Sword.
Das 9. Fallschirmjägerbataillon hatte den Angriff unter Otway mit 715 Soldaten und 35 Offizieren, die größtenteils zwischen 18 und 20 Jahre alt waren, an einer 1:1-Attrappe der Batterie in West Woodbury, nahe Newbury in England mehrfach geprobt, so dass jeder Soldat genau wusste, was er zu tun hatte. Mehrere Gruppen waren zusammengestellt worden, um die vorbereitenden Aufgaben auszuführen. Es gab eine Rendezvous-Gruppe, die um 0:20 Uhr abspringen sollte, um das Bataillon in der Landezone zu sammeln. Mit ihnen war eine Aufklärer-Gruppe (Troubridge) zum Absprung vorgesehen, die schnellstmöglich zur Batterie vorstoßen, dort alles ausspähen, das Bataillon treffen und den kommandierenden Offizier über ihre Erkenntnisse informieren sollte. Anschließend war die Einweisung der Einheit zur Merville-Batterie über den bestmöglichen Weg vorgesehen.
Der Hauptteil des Bataillons sollte um 0:50 Uhr abspringen. Zuerst sollte ein Teil mit
Minensuchgeräten die Minenfelder bis zum Hauptzaun absuchen und säubern und dann mit Bändern einen sicheren Weg durch das Minenfeld kennzeichnen. Knapp anderthalb Stunden wurde für das Gruppieren
usw. Zeit gegeben, so dass der Angriff um 2:35 Uhr starten sollte. Das Bataillon sollte sich für den Angriff an einer vorher bestimmten Position, ca. 500 Yards von der Batterie entfernt, zwischen
4:10 und 4:20 Uhr sammeln. Mit drei Horsa-Segelflugzeugen sollten die A-Kompanie und ca. 591 Pioniere, die die Sprengladungen trugen, innerhalb der Batterie abgesetzt werden. Ein Mörser sollte
die Batterie unter Beschuss nehmen. Nach zweieinhalb Minuten sollte ein Hörsignal bewirken, dass das Feuer überall, außer beim Haupttor, zur Ablenkung, eingestellt würde. Weitere zwei Minuten
später, um 4:30 Uhr, als das erste Segelflugzeug landen sollte, sollte der Hornist ein anderes Signal erklingen lassen, der den Mörserbeschuss beenden sollte. Danach sollte mit dem Angriff
begonnen werden. Die B-Kompanie sollte den Zaun sprengen, woraufhin die C-Kompanie anzugreifen hatte.
Falls bis 05:30 Uhr kein Erfolgsignal von Otways Truppe durchgegeben würde, sollte die HMS Arethusa das Feuer auf die Batterie eröffnen.
Unterstüzt wurden die Einheiten Otways von einer 115 Mann starken Kompanie kanadischer Fallschirmjäger.
Otways Truppen wurden über das gesamte Gebiet verstreut. Nur etwa 150 der Männer waren um 02:50 Uhr am vereinbarten
Treffpunkt zusammengekommen. Außerdem erreichten die für den Angriff eingeplanten Jeeps, panzerbrechenden Waffen, Mörser, Minensuchgeräte, Sanitäter und die Sappeure nicht den Treffpunkt. Sie
sammelten sich nahe Gonneville-sur-Merville, wo sie auf Bomberverbände der Royal Air Force warteten, die die Merville-Batterie zerstören oder zumindest beschädigen sollten. Die Bomber verfehlten
jedoch ihr Ziel und trafen stattdessen Gonneville, was zu einem Durcheinander bei den britischen Fallschirmjägern führte.
Einer der britischen Gleiter wurde von einer 2-cm-Flugabwehrkanone abgeschossen, was allerdings die Deutschen von einer kleinen Truppe um Otway ablenkte. Otway beschloss trotz der Tatsache, dass
ihm viel weniger Mittel als geplant zur Verfügung standen, die Batterie mit seinen Männern anzugreifen. Der Soldat Alan Jefferson meinte über Otway: „Ich sah den Blick von Colonel Otway. Er sah
aus wie direkt aus dem Gefrierschrank geholt, völlig starr und weiß und er fühlte sich sichtlich unwohl.“ Otway sagte später: „Ich hatte die Wahl: Aufgeben oder angreifen. Aber wie hätte man vor
seinen Freunden dagestanden. Ich wollte nicht, dass Leute sagen, er hat aufgegeben. Also entschied ich mich, anzugreifen.“
Die Minensucher entschärften die Minen auf den Minenfeldern ohne ihr Spezialwerkzeug, da sie ihre Ausrüstung nicht erhalten hatten, woraufhin Otways Truppe den Stacheldraht durchtrennte, der die Batterie umgab. Nun griffen sie von hinten die Batterie an. Die Fallschirmjäger mussten improvisieren, weil ihnen der Sprengstoff fehlte.
Der Befehlshaber der deutschen Garnison, Raimund Steiner, ein 22 Jahre alter Telefonist, Funker und Vermessungstechniker, befand sich im etwa zwei Kilometer entfernten Befehlsstand, von wo aus er den Ärmelkanal beobachtete. Die Briten und Kanadier stürmten auf die Kasematten zu und überrumpelten die Deutschen. Nachdem Steiner gegen 04:00 Uhr per Telefon von dem Überfall erfuhr, befahl er den ihm verbliebenen Männern, sich in den Kommandobunker zurückzuziehen und sich dort zu verschanzen. Am Telefon hörte er, wie die ihm unterstellten Soldaten wegen des durch die Briten ins Innere geworfenen Phosphors mit dem Tode kämpften. Der Kampf zwischen Otways und Steiners Truppen dauerte etwa eine halbe Stunde.
Gegen 05:00 Uhr war die Batterie in britischer Hand. Es kamen 66 britische Fallschirmjäger ums Leben, 30 weitere wurden verwundet und 22 gefangen genommen. 190 weitere gelten bis heute als vermisst. Von der deutschen Batteriebesatzung überleben nur 22 Soldaten.
Es stellte sich nach Beenden der Kampfhandlungen heraus, dass die Kanonen keine 150-mm-, sondern 75-mm-Feldgeschütze waren und eine weitaus geringere Bedrohung für die Landungstruppen dargestellt hätten.
Otway ließ die Geschütze zerstören und an die HMS Arethusa funken, dass sie ihren Auftrag erfüllt hatten. Die Briten verließen die Batterie nun wieder, woraufhin die überlebenden Deutschen aus
ihren Verstecken hervorkamen, um die Batterie zurückzuerobern. Die Briten griffen mit Feuerunterstützung der HMS Arethusa die Batterie erneut an, um sie endgültig einzunehmen, was ihnen auch
gelang.
Das etwa zehn Hektar große Areal ist heute ein Freilicht-Museum, welches die Geschichte der Batterie und die Ereignisse der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 thematisiert. Vor zwei Jahren wurden im Rahmen von Ausgrabungen fast alle Bunker der Batterie freigelegt und sind heute für das Publikum zugänglich.
In einem der Bunker werden die Kämpfe in einer Sound- und Lichtshow nachgestellt. Für kleinere Kinder ist das allerdings nichts, da sehr laut und unheimlich!