Caen

Die Einnahme von Caen war bereits am D-Day das Ziel der 2. Britischen Armee gewesen. Die Kontrolle über Caen und das Umland hätte den Alliierten den Bau von Landebahnen für Nachschubflugzeuge bzw. die Nutzung des Flugfeldes bei Carpiquet ermöglicht. Darüber hinaus wäre die Überquerung des Flusses Orne durch die Einnahme der Stadt und ihrer Brücken erleichtert worden.

 

Da es aber den Briten und Kanadiern aufgrund des starken deutschen Widerstandes nicht gelang, die Stadt in den ersten Tagen der Invasion unter ihre Kontrolle zu bringen, befahl Montgomery mehrmals Angriffe auf Caen und dessen Umland. Diese Operationen sollten nebenbei dem Zweck dienen, die deutsche Wehrmacht vom US-amerikanischen Sektor abzulenken und ihr dem entsprechend einen Hauptangriff im britischen Sektor vorzutäuschen.

 

Unterdessen sabotierte die französische Résistance während der alliierten Operationen strategisch wichtige Schlüsselpunkte der deutschen Verteidigung wie beispielsweise Eisenbahnlinien oder Straßen.

 

Das Kampfgebiet bestand zum Teil aus einer Bocage-Landschaft mit vielen Feldern, kleinen Wegen, Flüssen und Bächen, die gute Verteidigungspositionen boten. Überlebende alliierte Soldaten berichteten, dass jedes einzelne Feld in heftigen Kämpfen erobert werden musste. Daneben war für Panzer sehr gut befahrbares Gelände vorhanden, was für die Alliierten wie auch für die Deutschen von großer Bedeutung war.

 

Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia
Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia

 

Caen war für die Abstimmung der deutschen 7. Armee und 15. Armee im Pas-de-Calais äußerst wichtig. Nahmen die Alliierten Caen ein, dann würde ein Rückzug der deutschen Truppen von der Kanalküste unvermeidbar werden, um eine Verbindung zwischen ihnen aufrecht zu erhalten. Ein Rückzug entsprach aber keineswegs den Vorstellungen Adolf Hitlers, der befohlen hatte, jeden Meter Land zu verteidigen und zu halten. Aus diesem Grund konzentrierten die Deutschen ihre Streitkräfte im Gebiet um Caen. Sie verlegten 150 schwere und 250 mittlere Panzer in das Caen-Gebiet, jedoch lediglich 50 mittlere Panzer und 26 Panzerkampfwagen V Panther in das Gebiet der amerikanischen Verbände.

 

Die folgenden Kämpfe um Caen entwickelten sich zu einer Materialschlacht und einem Stellungskrieg. Die wiederholten britischen Angriffe im Raum Caen banden wesentliche deutsche Truppenverbände. Dies ermöglichte den amerikanischen Landungstruppen den Westteil des Brückenkopfes zu erweitern und letztlich bei Saint-Lô den entscheidenden Durchbruch zu erreichen. Die Kämpfe um Caen waren zwar verlustreich, verhalfen den Alliierten schließlich aber zu einer festen Basis in Nordfrankreich, mit deren Hilfe sie erst Paris und später Deutschland besetzten.

 

Quelle: National Archives of Canada Quelle: National Archives of Canada
Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia
Quelle: National Archives of Canada Quelle: National Archives of Canada
Quelle: National Archives of Canada Quelle: National Archives of Canada

 

Während der langwierigen Kämpfe sollte am 25. Juni das aus kanadischen und schottischen Einheiten bestehende VIII. Britischen Korps unter Lieutenant General Richard O’Connor den Fluss Odon westlich von Caen überschreiten und einen Brückenkopf bilden, mit dessen Hilfe die Einkreisung der Stadt Caen ermöglicht werden sollte. O’Connor wurden für die Operation 60.000 Soldaten, über 700 Geschütze und etwa 600 Panzer zur Verfügung gestellt, von denen die meisten Truppen jedoch wenig Kampferfahrung besaßen.

Aufgrund schlechter Wetterverhältnisse und fehlgeschlagener Vorbereitungsangriffe wurde der alliierte Angriff erschwert. Die alliierte Artillerie unterstützte das Vorrücken mit einer Feuerwalze. Am 26. Juni wurde die alliierte Bomberflotte in England wegen schlechten Wetters an einer Luftunterstützung gehindert. Die alliierten Angriffe wurden überwiegend von SS- und Wehrmachtsverbänden gestoppt. Die meisten der von den Alliierten besetzten Ortschaften konnten nicht gehalten werden. Nach schweren Kämpfen nahmen die Alliierten den Hügel 112 ein und sicherten ihn. Wegen des starken deutschen Widerstands gelang den Alliierten bis zum Abend des 30. Juni 1944 zwar die Einnahme lokaler Ziele, jedoch musste der Brückenkopf über den Odon wieder geräumt werden. Das VIII. Korps verlor bei den Kämpfen schätzungsweise 4.020 Soldaten.

m Zuge der Operation Windsor erhielten kanadische Verbände den Auftrag, am 4. Juli 1944 das wenige Kilometer westlich von Caen gelegene Flugfeld bei Carpiquet einzunehmen.


Auch das Flugfeld hätte bereits am D-Day erobert werden sollen, dies war aber fehlgeschlagen. Nun unternahmen die Alliierten mit der Operation Windsor einen Durchbruch der stark befestigten deutschen Stellungen nahe dem Flugfeld. Teile der 7. und 8. Kanadischen Brigade der 3. Kanadischen Infanteriedivision sollten den Angriff ausführen.

Das Flugfeld war durch Stahlbetonbunker, Maschinengewehrtürme, sowie unterirdischen Gänge, 75-mm-Panzerabwehrgeschütze und 20-mm-Flugabwehrkanonen befestigt. Des Weiteren war das Areal von Minenfeldern und Stacheldrahtverhauen umgeben. Die kanadischen Truppen wurden jedoch schon vor dem Angriff von der Resistance über die Verteidigungsanlagen informiert.

Nach harten Kämpfen gelang es den Kanadiern am 5. Juli den Ort Carpiquet zu nehmen. Nach weiteren drei Tagen, am 8. Juli, kontrollierten sie auch das Flugfeld bei Carpiquet, nachdem sie deutschen Gegenangriffen standgehalten hatten.

 

Junger deutscher Soldat (Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia) Junger deutscher Soldat (Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia)

 

Richard O'Connor versuchte erneut, den Brückenkopf bei Caen auszubauen. Die 43. Wessex Division sollte den am 10. Juli  kurzzeitig gehaltenen Hügel 112 von den Deutschen zurückerobern. In der ersten Phase sollten die Alliierten Hügel 112, Fontaine und Eterville erobern und in der zweiten Verteidigungspositionen auf dem Hügel 112 ausheben und beziehen, sowie den Ort Maltot erobern. Dem alliierten Angriff ging ein Bombardement, sowie Mörser- und Artilleriebeschuss voraus. Die Deutschen verfügten über fünf Grenadierbataillone, zwei Tiger-Panzer, sowie zwei StuG-Kompanien und Nebelwerfer.

 

Die Operation scheiterte jedoch am starken Widerstand der deutschen Verbände, die sich Verteidigungspositionen ausgehoben hatten und so auf den Angriff vorbereitet waren. Die 43. Wessex Division verlor über 2.000 Mann während der Operation.

 

Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia Quelle: Deutsches Bundesarchiv für Wikimedia

 

 

Ein weiterer Grund für die alliierten Misserfolge war die Überforderung der Britischen 11. Panzerdivision: Obgleich sie die Einheit war, die den Angriff anführte, hatte die Division auch die Aufgabe die Dörfer an der Frontlinie zu säubern, nämlich Cuverville und Demouville. Diese sollten dann durch die nachfolgenden Einheiten gesichert werden. Die Panzerverbände der Division griffen schließlich den Bergrücken an, während die Infanteriebataillone die Dörfer säuberten. Dieses verlangsamte das Vorgehen und verhinderte eine sinnvolle Zusammenarbeit.

 

Quelle: National Archives of Canada Quelle: National Archives of Canada

 

Einzelne Panzerbataillone kämpften ohne Unterstützung und nacheinander, anstatt zusammen zu kämpfen. Bis zum 19. Juli war dann die Stadt Caen größtenteils unter alliierter Kontrolle.

Die Deutschen starteten am Nachmittag des 18. Juli einen Gegenangriff, der bis zum 20. Juli andauerte. Montgomery brach am 20. Juli  weitere Angriffe ab, da bereits 6.000 Soldaten gefallen und rund 400 Panzer verloren worden waren.

 

Mehr als 156 kanadische Gefangene sind Berichten zufolge von der 12. SS-Panzerdivision in den Tagen und Wochen nach dem D-Day in der Nähe von Caen getötet worden. 20 Kanadier wurden nahe Villons-les-Buissons, nordöstlich von Caen, in der Abbaye d'Ardenne, einem Ort mit vielen mittelalterlichen Gebäuden und einer gotischen Kirche exekutiert.

Am 7. Juni kämpften kanadische Truppen bei dem Ort Authie, wobei viele gefangen genommen wurden. Die Abtei war schnell mit während der Kämpfe gefangenen Kriegsgefangenen gefüllt. Zehn wurden daraufhin ausgewählt und vor der Abtei exekutiert. Der Rest wurde nach Bretteville-sur-Odon gebracht. Am Abend desselben Tages wurden elf Gefangene in den Garten eines Chateaus geführt und erschossen.

Am Abend des 8. Juni wurden sieben weitere Kriegsgefangene, die bei Authie und Buron gekämpft hatten, zur Abtei gebracht, befragt und danach nacheinander erschossen. Die sieben Kanadier schüttelten sich vor der Exekution noch einmal die Hand, wurden dann in den Garten gebracht und mit Maschinenpistolenschüssen in den Hinterkopf exekutiert. Nach zehn Minuten waren alle sieben tot. Der polnische Gefreite Jan Jesionek, der in der 12. SS-Panzerdivision diente, berichtete später über die Geschehnisse. Die letzten Leichen wurden erst im Herbst 1945 gefunden. Die Abbaye d'Ardenne wurde um Mitternacht des 8. Juli 1944 von den Regina Rifles erobert.

 

Die mittelalterliche Stadt Caen sowie die umliegenden Dörfer, Städte und auch das Gelände wurden durch das alliierte Bombardement, den Artilleriebeschuss und die Kämpfe zum Großteil zerstört. Der Wiederaufbau des zerstörten Caen erstreckte sich von 1948 bis 1962. Die Bombardierungen begannen am 6. Juni 1944 und dauerten zwei Monate lang. Die Flugzeuge warfen auch Zettel mit Warnungen an die Bevölkerung ab: "Alle wichtigen Ziele werden bombardiert. Verlassen Sie die Stadt sofort, Sie haben keine Minute zu verlieren."

 

Quelle: National Archives of Canada Quelle: National Archives of Canada

 

 

Über 2000 Einwohner verloren bei den Kämpfen und Bombardierungen ihr Leben. Viele überlebten die Kämpfe unter unmenschlichen Umständen in unterirdischen Höhlen der Kalksteinsteinbrüche nahe der Stadt. Diverse Einwohner wurden von Deutschen getötet, entweder für Widerstandsaktionen oder weil sie sich geweigert hatten, Ordnungen zu befolgen. So wurden am D-Day viele der im Gefängnis von Caen inhaftierten Menschen exekutiert.