Persönliche Erinnerungen
Immer weniger Veteranen sind heute in der Lage ihr persönlich Erlebtes der Nachwelt zu erzählen und künftigen Generationen den Wahnsinn eines Krieges vor Augen zu führen.
Im Forum der Wehrmacht, dass ich an dieser Stelle allen Interessierten nur empfehlen kann, sind auch immer wieder Veteranen zu Gast.
Einer von ihnen hat seine Erinnerungen niedergeschrieben und ist erst vor kurzem verstorben. Es war ihm ein stetiges Anliegen die Opfer nicht vergessen werden zu lassen und zu mahnen.
Aus diesem Grund möchte ich hier Auszüge seiner Berichte veröffentlichen, im Gedenken an den Autor, Soldaten und Menschen Arthur Krueger (verstorben am 13. Januar 2009). Ruhe in Frieden
Kampf um Stalingrad
Der Kampf um Kalatsch und Stalingrad war äußerst verlustreich. Unsere Kompanien waren meist nur noch 30 bis 50 Mann stark. Unsere HKL war lückenhaft besetzt. Wir warteten auf Ersatz. Wir waren so dicht wie möglich an die Russen heran gegangen. Oft bis 100 Meter, um nicht von der Stalinorgel beschossen zu werden. Diese hatte einen Streubereich von 250 Metern. Um uns zu beschießen, würden sie ihre eigenen Leute treffen. Sie hatten sehr gute Scharfschützen. Sich am Tage zu bewegen, war Selbstmord.
Nachts gruben wir wie die Irren und bauten unsere Stellungen aus. Die ausgehobene Erde wurde auf eine Zeltbahn geschüttet und weit hinter unserer Stellung verteilt. Es wurden Munition und Essen nach vorn gebracht. Auch kam vereinzelt Ersatz, meist unerfahren und schlecht ausgebildet. Wegen des Fehlens der Schützen war ich mit meiner schweren Granatwerfer-Gruppe noch mit 10 Mann in einer Lücke in Stellung gegangen. Vor uns waren eine Minensperre und der Russe. Ich hatte in meiner Gruppe noch vier Obergefreite, alte Kämpfer. Mit ihnen war ich schon lange zusammen. Wir hatten uns mit unseren Werfern sehr gut eingeschossen. Wir hatten eine gute Beobachtung und konnten den Feind überall erreichen.
Links von uns war der Komp.-Gefechtsstand der 5. Komp. der ich mit meinen Werfern unterstellt war. Rechts war eine Gruppe SMG meiner Komp. in Stellung. Bei der Schützenkomp. hatten wir Ausfälle durch Kopfschüsse. Sie hatten Gewehre mit Zielfernrohr und konnten damit wegen mangelnder Ausbildung nicht richtig umgehen. Ich ließ mir von ihnen ein Gewehr rüberwerfen und schaltete den Scharfschützen aus.
Es kamen auch einige Kameraden aus den Lazaretten und aus dem Urlaub zurück. Mit den Essenholern kamen sie in unsere Stellung. Sie waren wohl noch mit ihren Gedanken in der Heimat. Sie hörten nicht unseren Warnruf: „Achtung Scharfschützen. Kopf runter.“ Sie kamen nicht mehr zum Einsatz. Wir wurden abergläubisch. Man sagte: „Wer in Urlaub fährt, der stirbt“. Wir brauchten uns aber keine Sorgen mehr machen. Denn es gab jetzt Urlaubssperre.
Immer wieder versuchte der Russe mit kleineren Angriffen herauszufinden, wie stark unsere Abwehr noch war. Sie wurden regelrecht von unserem Abwehrfeuer niedergemäht. Wir hörten dann den immer schwächer werdenden Hilfeschrei der Sterbenden. In meine Stellung kamen drei Überläufer. Ich fragte: „Warum helft Ihr Euren Verwundeten nicht?“ Sie sagten: „Verbunden werden nur die, die weiterkämpfen können. Wer zurückgehen kann, dem wird geholfen; wer nicht, der bleibt liegen.“
Weit hinter den russischen Stellungen hörten wir alle Nächte Kettengeräusche der Panzer. Wir fühlten es, dort braut sich etwas zusammen. Dann hörten wir es schon: Der Russe ist mit starken Kräften bei den Rumänen durchgebrochen. Auch die italienische Front wackelte. Bei Kalatsch hat er den Donn erreicht, und wir sind eingeschlossen. Wir machten uns erst keine Sorgen. Unsere Division war schon öfter mal eingeschlossen, war aber immer wieder heraus gekommen. Dann wurde Verpflegung und Munition knapp. Wir waren schwach und ausgepumpt. Die großen Strapazen, das unmenschliche Leben hatten uns zu Greisen gemacht.
Junge Männer von 20 Jahren starben an Schwäche. Fleckfieber und die Läuse plagten uns. Nur Verwundete kamen noch aus dieser Hölle raus. Der Wunsch war ein Tod ohne Schmerzen. Einige verletzten sich, um so als Verwundete herauszukommen. Andere drehten durch, sprangen aus der schützenden Stellung heraus und wurden von den Scharfschützen erschossen. Nur wer die Nerven behielt, konnte überleben. Einige setzten sich ab und gingen zurück. Vielleicht glaubten sie so aus dem Kessel herauszukommen. Sie wurden dort aufgegriffen, erschossen oder kamen in die Strafkomp. zum Minenräumen.
Ich glaube, es war Ende November. Wir hörten Panzerketten rasseln. Es war am späten Nachmittag. Da kamen sie an. Ich zählte 10 T34. Sie rasten über unsere Stellungen und wurden hinten von unserer Panzerabwehr empfangen. Mit Abstand kamen die Soldaten in Bat.Stärke und wollten in unserer Flanke einbrechen. Wir ließen sie auf Schussnähe herankommen. Dann brach die Hölle los. Der Angriff brach in unserem Kreuzfeuer zusammen. Unsere Panzer kamen mit Infanterie und ergänzten unsere Ausfälle.
Ich wurde am Kopf und der linken Schulter verletzt, wurde verbunden und kam nach Gumrak zum Flugplatz. Wartete dort bis zum Morgen, um ausfliegen zu können. Was dort geschah, ist unbeschreiblich. Verwundete schrieen wie die Irren. Alle wollten raus, hingen sich an die Tragflächen und behinderten die Flugzeuge am Starten. Als Erstes durften nur Schwerverwundete an Bord. Das galt auch für mich. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.
Am Morgen im Nebel war eine Ju 52 in einen Bombentrichter geraten. Der Pilot wartete auf eine Zugmaschine, die ihn herausziehen sollte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Er war ein Feldwebel und ein Ex-Infanterist. Er sagte mir auch, dass nur Schwerverletzte mitdürfen, ging zurück zur Maschine, kam dann wieder und fragte, ob ich mit einem Maschinengewehr schießen kann. „Natürlich“ sagte ich, „ich komme von einer Maschinengewehr-Kompanie.“ „Dann kommst du mit auf meine Maschine als Bordschütze.“ Das war meine Rettung aus Stalingrad. Die Ju hob ab, und wir kamen unbehelligt aus dem Kessel raus.
Von meinen Kameraden, mit denen ich vorn im Einsatz war, hat keiner Stalingrad überlebt. Der Rest, der noch im Januar in der Nordriegelstellung war, wurde von den Panzerketten zermalmt. In Gefangenschaft gerieten nur drei vom Tross. Der Hauptfeldwebel, der Sanitäter und der Verpflegungs-Unteroffizier.